Hier ist kein Platz für einen Titel, der die Tatsachen verschleiert

Ich will offen sein. Ich will offen sein, dass es weh tut. Denn das heißt ja eigentlich auch offen sein. Wurde nur falsch übersetzt.

Ich will wandeln durch die Straßen und alle mit Du anreden. Denn das Du, das hat doch etwas Frisches. (Ein Bund Petersilie, der frisch ist, macht doch auch mehr Spaß als einer, der nichts mehr taugt, weil ausgelaugt.) Man muss hier und dort Parallelen ziehen. Würde man mehr Parallelen ziehen, bräuchte man weniger Kreise. (Dasselbe Thema immer wieder. So sieht es aus im Kreis. Man beißt sich in den Schwanz.)

Was habe ich heute gelernt?

Wieder einmal saß ich in der Straßenbahn und habe mich gefragt, warum die Menschen so sind wie sie sind. Mit dieser Frage bin ich nicht weit gekommen, die Straßenbahn bewegte sich keinen müden Zentimeter. Also ließ ich es bleiben. Stattdessen reckte ich mich, fischte einen lang erhofften Popel aus meiner Nase, der sich dann doch als kurzer erwies, blies die Backen auf und rief laut in die Bahn hinein: „Warum tun sich die Menschen so weh?“

Alle drehten sich entgeistert um, schüttelten den Kopf und murmelten hier und dort: „So eine dumme Frage. So eine schrecklich dumme Frage.“

Da verstand ich, was passiert war: Es war alles wegen dieses Gedichts so gekommen:

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Ach so, sagten da die Leute, als ich sie an das Gedicht erinnerte. Doch mehr sagten sie nicht. Außer: „Ja, ja, aber jetzt soll die Straßenbahn wieder weiterfahren. Bitte steigen Sie aus, mit Ihnen geht das nicht. Und Sie wollen doch nicht, dass wir hier alle warten müssen, nur wegen Ihres Gedichtes?“

Noch ehe ich einwenden konnte, dass das Gedicht nicht von mir war, wurde ich rausgeguckt: Mit strengem Blicke drückte man mich an die Tür, bis sie aufsprang und den Schuldigen endlich loslassen konnte.

Einen Stachel zog ich mir noch, indem ich flüsterte: Moment, die Schuldige muss es heißen.

Der nächste Stachel war biberkopfmäßig schwer zu durchdenken, aber ich gab mein Bestes, also gab ich mein Geld, und ich gab und gab und gab; ich machte das so: Ich ging und gab. Dabei gab ich jedem, den ich nicht kannte, eine Münze. Je besser mir der Mensch gefiel, desto mehr gab ich ihm. So hatte ich es schließlich gelernt.

Von dieser Krankheit konnte mich nur eines heilen: die Midlife-Crisis. Für die war ich eigentlich zu früh dran, aber nach dem ganzen Rumgerenne mit den schweren Münzsäcken fühlte ich mich doch alt genug dafür. Also rieb ich meine Augenlider mit Kohle ein, bindete mir eine Krawatte um die Luftröhre und fing an, das Sterben zu üben. Das stand mir ausgezeichnet. Ich wurde richtig gut darin, im Sterben-üben. So gut, dass ich beinah vergessen hätte, wozu ich das eigentlich alles tat.

An einem Sonntagmorgen war es dann soweit: Ich häutete mich wie eine Schlange aus dem kohlenschwarzen Kokon, zerlegte ihn in Einzelteile, ja, ich bog alles auseinander und machte es so klein wie es ging (nur wie ich das machte, das verrat ich euch nicht) und dann, dann kochte ich mir eine Suppe daraus und dann, dann aß ich diese Suppe, und dann, dann spielte ich eine Stunde auf dem Spielplatz nebenan, und dann, dann ging ich wieder nach Hause, legte mich schlafen, schlief 23 Stunden durch (es war der längste Powernap, den ich je hatte) und am nächsten Tag stand ich da, wie Gott mich schuf und so, wie Gott mich gemeint hatte:

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Es dauerte noch so lange, so unendlich lange, bis ich erkannte, dass ich die Gesichter auf den Scheinen für Götter gehalten hatte. Sie zu lieben und zu vergöttern war doch meine einzige sinnvolle Aufgabe gewesen! Und nun das! Alles Betrug und nur einen Vokal entfernt vom Betrag! Aber wie war ich denn nun gemeint gewesen? Zerknirscht ging ich nach Hause. Am Besten wäre es doch, ich fange

ganz von vorne an.

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