Quartett

Ein jedes Ding, das du auf Erden findest,

kannst du teilen in vier Teile

schrieb einst der große Universalgelehrte Aristoteles.

Doch wie ich nur zwei Dinge zu glauben habe, nämlich 1. dass ich lebendig bin und 2. dass ich Gott geschaffen habe (mit einer Häckselmaschine), stehe ich vor den Toren der Erleuchtung und wundere mich. Niemand empfängt mich. Kein Prinz, keine Prinzessin, kein Engel, kein Gott. Wo kann das enden, hier oben im Elfenbeinturm? Der Zaster ist weg und ich bin froh drum, doch viel schwerer wiegt die Last aller Gedanken, die ich mir im Leben gemacht habe. Wie viele Blätter habe ich gefüllt? Wie viele Scheine habe ich berührt? Alles ging durch mich hindurch und alles passierte meine Hände. Jetzt stehe ich vor den Toren der Erleuchtung und muss mich wundern. Niemand macht mir auf. Ich halte meinen Koffer voller Gedankenblätter, er ist schwer und macht Abdrücke in den Wolkenboden, wann immer ich ihn kurz abstelle. Ich lasse ihn los und er fällt durch die Wolken hindurch! Ich aber bleibe stehen und warte. Daheim wäre ich längst ausgetickt, doch hier empfinde ich nur eine himmlische Ruhe. Etwas müde von all dem Empfinden setze ich mich auf eine Wolkenbank. Sie wird zum Sessel und empfängt liebevoll meine Gliedmaßen.

– – –

Was ist das? Ich schrecke hoch, ich liege in meinem Bett, der Wecker klingelt, nein, nein, ich will zurück, zurück! Da oben war ich allein, aber die Einsamkeit hier ist tausendmal schlimmer. Ich bin ein gefallener Engel, ich bin ins Bett gefallen. Auch hier sind Federn. Wie im Wahn laufe ich in die Küche, hole ein Messer, springe ins Bett, schlitze die Kissen auf. Wie in Trance bin ich, ich kann nicht an mich halten, ich hole Kleber herbei, Flüssigkleber, ich nehme jede Feder einzeln und klebe sie mir an den Rücken. Später wird der Arzt sagen: „Nur gut, dass Sie keine Heißklebepistole haben.“ Aber das interessiert mich jetzt nicht. Ich klebe und klebe, der Geruch vom Kleber benebelt meine Sinne, ich klebe und klebe und klebe und atme und weine und lache, mein ganzes Leben scheint mir so sinnlos ohne Kleber, Federn und dieses unbekannte Leid, das ich in mir trage.

Irgendwann liege ich, alle Viere von mir gestreckt, in meinem Bett. Der Atem geht schwer, ich lächle vor mich hin und summe ein Weihnachtslied. So findet mich meine Mitbewohnerin. Der Krankenwagen kommt und ich höre, wie die Menschen, die mich mitnehmen wollen, nach Luft schnappen, ehe sie die Handschuhe über ihre Handgelenke schnippen lassen. Den größten Genuss habe ich, als ich ihre verdutzten Gesichter sehen kann. Verschwommen zwar, aber deutlich in ihrer Verdutztheit. Ich lächle milde vor mich hin. Mit einem Engel haben sie wohl nicht gerechnet.

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